Wenn Theater mehr sein soll, als Abendunterhaltung oder leicht verdauliche Ware, dann beginnt die Suche nach prälogischen Bildern, die durch die analytische Betrachtung diskursiver Intelligenz nicht restlos auflösbar sind. Das heißt, auf der Bühne ein Verständnis von Theater zu formulieren, dass kein Lob dem Realismus, sondern eine Hymne an das Artifizielle darstellt. Als ob man das Leben imitieren könnte. Vielmehr geht es um die Entdeckung des Eigenlebens des Theaters.

Die Theaterkonvention seit der Renaissance bildet Erzählungen ab und erzählt Psychologie. Und Psychologie ist letztendlich immer der Versuch das Unbehagen über das Unbekannte zu bannen, es auf etwas Bekanntes, Alltägliches zurückzuführen. Das allgemeine Verständnis von Schauspiel folgt dieser Konvention in seinem Streben fiktionale Charaktere plausibel und vertraut darzustellen.

Nicht nur unsere Realität hat Auswirkung auf die Betrachtung von Theater, sondern auch die Betrachtung von Theater kann unsere Sicht auf die Dinge verändern. Wir sind nicht völlig frei, unsere Wahrnehmung ist nicht absolut und wir können nicht alles kontrollieren. Es ist die Aufgabe des Theaters uns das beizubringen, uns sehen zu lassen, dass wir nichts sehen und zu erkennen, was die Dinge uns in unserer Blindheit antun können. In diesem Sinne Theater zu machen, heißt, sich dieser Gefahr auszusetzen und Zustände und Situationen zu suchen, die den Menschen in ein rätselhaftes Verhältnis zum anderen, zu sich selbst und zu den Dingen bringen.

Hand in Hand damit geht die Absage an ein elitäres Theaterverständnis.Es ist der Versuch. den Respekt vor den Meisterwerken zu verlieren, vor dem Geschriebenen, vor dem, was Gestalt angenommen hat. Theater muss unmittelbar und direkt sein, seine Formensprache und sein Inhalt dem Rhythmus unserer Zeit und unseren gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechen. Es muss dem, der es ansieht mehr bringen, als dem, der es macht.

Sehen wir ein, dass das Gesagt nicht noch einmal gesagt zu werden braucht; dass ein und derselbe Ausdruck nicht zweimal taugt, nicht zweimal lebt, dass jedes Wort tot ist, sobald es ausgesprochen ist, und nur in dem Augenblick wirkt, in dem es ausgesprochen wird; dass eine einmal verwendete Form zu nichts mehr nütze ist und nur dazu einlädt, nach einer anderen zu suchen, und dass das Theater der einzige Ort auf der Welt ist, wo eine Gebärde unwiederholbar ist.

Antonin Artaud, aus „Das Theater und sein Double“

Der Autor ist tot und mit ihm die Unterwerfung unter den Text. Es geht darum, in Korrespondenz mit dem Text zu stehen, darauf zu warten, welche Bilder er in uns auslöst, welche Bilder sich uns aufdrängen, während und nach der Lektüre und diese zu fixieren und bis zum Äußersten zu treiben. Die Frage ist jedes mal aufs Neue, was die stilistischen Mittel sind, die Atmosphäre des Werks für die Zeit der Aufführung heraufzubeschwören. Wenn das Theater kein Spiel zum Zeitvertreib ist, wenn es eine eigene Wirklichkeit haben soll, mit welchen Mitteln kann man ihm diese Wirklichkeit geben und aus jeder Aufführung ein Ereignis machen?