Ein Berg, viele

2020 Schauspiel Leipzig Autorin Magdalena Schrefel Regie Pia Richter Bühne & Kostüme Julia Nussbaumer Dramaturgie Marleen Ilg Licht Thomas Kalz Theaterpädagogische Betreuung Babette Büchele Mit Paulina Bittner / Thomas Braungardt / Anne Cathrin Buhtz / Patrick Isermeyer

Ausgehend von einem Mordfall, der vor drei Jahren die Koblenzer Öffentlichkeit schockierte, beschäftigt sich „WO WENN NICHT WIR“ mit der Gewalt gegen Obdachlose sowie der Angst der gesellschaftlichen Mitte vor dem Abstieg. Das Stück hinterfragt die Umstände, die Menschen in die Obdachlosigkeit und so in die Schutzlosigkeit treiben und rührt dadurch nicht zuletzt an das gesellschaftliche respektive individuelle Verantwortungsgefühl an. So vereint dieses Auftragswerk des Theaters Koblenz an Svenja Viola Bungarten und Malte Abraham einen Lokalbezug zu Koblenz mit einer über die Stadtgrenzen und die eigene Lebenswelt hinausgehenden Perspektive.

Für „Ein Berg, viele“ erhält Magdalena Schrefel den Kleist-Förderpreis für junge Dramatikerinnen und Dramatiker 2020. Bereits zum 25. Mal vergeben die Stadt Frankfurt (Oder), die Dramaturgische Gesellschaft und das Kleist Forum Frankfurt (Oder) den mit einer Uraufführung verbundenen Nachwuchsförderpreis. Der in Wien geborenen Autorin „gelingt es mit ihrer szenischen Setzung“, so die Jury, „die Konstruktion von Grenzen aufzuzeigen, ob geografisch, politisch oder ideologisch. Sie hinterfragt ihren Nutzen und Urheberschaften und beschreibt, wie Scheinwelten und -autoritäten erschaffen werden. Dafür überlagert Magdalena Schrefel zeitgenössische, historische und fiktive Referenzen. Gleichzeitig erstreckt sich entlang ihrer vielfältigen Sprachfarben auch das Potenzial von gemeinsamen Linien, um Welt zu beschreiben und Utopien zu formulieren.“ 

 Pressestimmen

„In der Uraufführung von Regisseurin Pia Richter spielen die Schauspielerinnen und Schauspieler Paulina Bittner, Thomas Braungardt, Anne Cathrin Buhtz und Patrick Isermeyer alle Rollen abwechselnd. Jeder ist mal jede. Mal Filmerin, mal Gefilmter. […] Mal Europäer, mal Afrikaner. Mal Kind, mal Erwachsener. Eine gelungene inszenierte Metapher für den Zufall der Geburt. In schnellen Wechseln überzeugen die Schauspieler in diesen Charakteren, in die sich die Zuschauer trotz der permanent wechselnden Rollenverteilung immer wieder neu reindenken können.“

 Nachtkritik

„Die europäischen und postkolonialen Blicke auf Afrika – und der Blick eines moralisch-kritischen Zeitgeistes auf diese Blicke: An der Oberfläche bedient ‚Ein Berg, viele‘ einen sehr aktuellen Diskurs. […] Spannender aber ist das Stück unter einem anderen Aspekt: Dem auch selbstzweifelnden Suchen danach, was denn diese Abbild-Maschine Kunst überhaupt über ‚die Wirklichkeit‘ aussagen kann. […] Die Travestie-hafte Künstlichkeit, mit der ‚Ein Berg, viele‘ auf die Bühne fand, ist in diesem Kontext auch als Symptom der Hilflosigkeit lesbar. Hier allerdings einer, die einnimmt.“

 LVZ

„Die Inszenierung von Pia Richter unterläuft und akzentuiert das Problem von Identität und Zuschreibung, indem sie ihre vier Schauspieler*innen in rosa Einheitskleidchen und Perücken steckt – und die Rollen fleißig wechseln lässt, zwischen Geograph, dessen Kindern, Köchin, Butler, Fernsehteam und einem Ismael, der auch eine Projektion sein kann. […] [D]en Zweifel und das Unbehagen, die das Stück sät, löst der Abend nicht auf, man nimmt sie mit nach Hause. Und wird den nächsten Fernsehbericht – und auch diesen Bericht – mit mehr Vorsicht genießen.“

 Märkische Oderzeitung

„Ein bisschen Oscar-Glamour fährt Regisseurin Pia Richter auf, dazu eine lange, gescheite Abhandlung über die „Verfertigung des Schiffes im Segeln“. Diese Persiflage in dem Stück und dessen Inszenierung wollen vor allem eines: „mehrere Ebenen und Sichtachsen“ bieten, auf die Welt, deren Abbild und auf uns, die wir dieses Abbild für die Welt nehmen.(…)Dabei gelingen Pia Richter bei ihrem Regiedebüt durchaus eindrucksvolle Szenen.“

 Deutsche Bühne online